BMW R1100GS

Bereits Mitte der 80er Jahre zeichnete sich ab, dass der altehrwürdige 2-Ventil-Boxer Motor mehr oder weniger technisch ausgereizt und das Ende seines Produktlebenszyklus absehbar ist. Kundenwünsche nach mehr Leistung und Anforderungen des Gesetzgebers hinsichtlich Emissionsgrenzwerte ließen sich mit dem zuletzt 1969 grundlegend renovierten Aggregat nicht realisieren. Nicht zuletzt die Beliebtheit des Boxers beim Kunden ließ BMW jedoch an diesem traditionellen Konzept festhalten. Das Ergebnis wird schließlich zu Beginn des Jahres 1993 vorgestellt. Der neue Sporttourer R1100RS verfügt neben einem neuen 4-Ventil-Boxer über weitere Neuerungen wie Benzineinspritzung und Telelever.


Im Brexbachtal (Westerwald); Bild: Michael Panitzki


Landstraße bei Linz/Rhein; Bild: Michael Panitzki

Nachdem zu Beginn des Jahres 1993 die neue R1100RS mit dem neuen 4-Ventil-Boxer vorgestellt wurde, präsentierte BMW im Herbst auf der IFMA in Köln zusammen mit der F650 die geländetaugliche Variante des neuen Boxers. In den Verkaufsräumen der Händler steht die GS allerdings erst im Frühjahr 1994. Die beeindruckende Größe und das ungewöhnliche Design der R1100GS erhitzen die Gemüter bis heute. Während Kritiker und Nörgler wie schon zu Zeiten der legendären R80G/S anno 1980 nicht aufhörten rumzujammern, machten GS-Fans die Schnabelkuh aufgrund ihrer überragenden Leistungen und vor allem ihrer Vielseitigkeit schnell zu BMWs Boxer-Bestseller. Bereits im ersten Verkaufsjahr wurden fast doppelt so viele R1100GS verkauft wie von der 2-Ventil-GS zu ihren besten Zeiten.


In der Eifel; Bild: Ulf Panitzki


Zufahrt zum Elmsteiner Tal (Pfalz); Bild: Ulf Panitzki

Von 1994 bis 1999 produzierte BMW die R1100GS. In fünf Jahren fanden 43.535 Einheiten ihre Fans. Die R1100GS war bis dahin nicht umsonst der meistverkaufte BMW Boxer überhaupt. Auch mehrfache Versuche von Wettbewerbern, die GS vom Thron zu stoßen, waren letztendlich nicht von Erfolg gekrönt. Die Original-Schnabelkuh bleibt was sie ist, die ultimative Universal-Fahrmaschine schlechthin!!! Alles andere ist kalter Kaffee!


Im Odenwald; Bild: Michael Panitzki


Weinanbau in der Pfalz; Bild: Michael Panitzki

Konzept

Die R1100GS ist wie ihre Zweiventil-Vorgänger ein echtes Mehrzweckmotorrad, welches sich für den Einsatz im Gelände (G) ebenso eignet wie auf der Straße (S). An dieser Vorgabe orientiert sich BMW auch bei der R1100GS. Trotzdem ist die GS eine Reiseenduro mit der Betonung auf Reise und weniger auf Enduro. Etwas Erfahrung und entsprechende Bereifung vorausgesetzt macht die schwere GS nicht nur auf der Schotterpiste, sondern auch im Gelände eine erstaunlich gute Figur. Das gute Fahrwerk, hohe Bodenfreiheit und das bereits erwähnte souveräne Handling machen dies möglich. Nichtsdestotrotz ist die GS mit echten Rallye Motorrädern oder gar Enduros nicht zu vergleichen. Dies war auch nie das Ziel. Vielmehr stand ein möglichst großer Nutzen im Vordergrund. Schließlich soll der Fahrspaß nicht in dem Moment enden, wo der Asphalt in Schotter übergeht.


Schotterpiste bei Boppard/Rhein; Bild: Michael Panitzki


Im Fockenbachtal (Westerwald); Bild: Michael Panitzki

So manchen Weltreisenden führte seine GS auf abgelegenen Pisten sicher bis in die fernsten Winkel der Erde. Die meisten Schnabeltiere finden ihr bevorzugtes Revier jedoch in hügeligen Mittelgebirgslandschaften und Gebirgen wie den Alpen und den Pyrenäen. Hier kann sich die GS voll entfalten und sich wohl fühlen. Das einzigartige Fahrwerk mit Telelever und Paralever und der günstige Schwerpunkt sorgen für ein in dieser Gewichtsklasse einzigartiges Handling. Das Leistungsvermögen und das zur Verfügung stehende Drehmoment besonders im unteren und mittleren Drehzahlbereich machen die Fahrt über kurvige Bergstraßen zu einem einzigartigen Erlebnis. Lediglich das unpräzise und bisweilen hakelig zu schaltende Getriebe nervt zuweilen. Nichtsdestotrotz gibt es bis heute kein Motorrad, welches auch nur annähernd dieselbe Bandbreite abdecken kann.


Schotterpiste im Elsass; Bild: Ulf Panitzki


Am Rursee (Eifel); Bild: Ulf Panitzki

BMW hat wie bei allen seinen Modellen auch bei der R1100GS höchsten Wert auf Alltags- und Reisetauglichkeit gelegt. Dazu gehören neben einer kräftigen Motorisierung natürlich ein bequemes Platzangebot für Fahrer und Sozius nebst entsprechenden Staumöglichkeiten für Gepäck. BMW hat hier seine Hausaufgaben im Prinzip gut gemacht. Fahrer und Sozius finden auf der GS einen vollwertigen Sitzplatz mit guter Beinfreiheit und Platzangebot vor. Das Cockpit ist mit Tachometer, Drehzahlmesser und Info-Display vollständig ausgestattet und ergonomisch platziert. Der breite Endurolenker liegt gut im Griff und gibt gute Kontrolle über die doch sehr massige GS. Ein Windschild sorgt für Schutz vor Wind und Wetter.


Schotterpiste in Holstein; Bild: Michael Panitzki


Kolonnenweg in Sachsen-Anhalt; Bild: Michael Panitzki

Die Praxis offenbarte jedoch mit der Zeit Mängel im Detail. So ist die Fahrersitzbank für längere Fahrten zu weich gepolstert. Bereits nach wenigen Stunden - bei schweren Zeitgenossen noch schneller - ist die Sitzbank so durchgesessen, dass der Unterbau der Bank unangenehm spürbar ist. Außerdem ist der Kniewinkel für größere Fahrer zu eng. Das Windschild erfüllt seine Aufgaben bis zu einer Geschwindigkeit von ca. 120 km/h ganz passabel. Bei höheren Geschwindigkeiten machen Turbulenzen hinter der Scheibe die Fahrt jedoch zu einer unangenehmen und lauten Angelegenheit. Wer wie ich meistens einfach nur genussvoll durch die Landschaft fährt, wird dies als wenig störend empfinden. Anhänger der Vollgasfraktion werden mit der Serienscheibe allerdings wenig Freude haben.


Fähre über die Weser; Bild: Michael Panitzki


Hohwachter Bucht; Bild: Michael Panitzki

BMW gehörte zu den ersten Motorradherstellern, die ihre gesamte Produktpalette vom Roller bis zum Luxustourer konsequent mit ABS ausstatten. Auch die GS macht da natürlich keine Ausnahme. Das ABS II genannte System lässt sich in der GS im Gegensatz zu den reinen Straßenmodellen für den Einsatz im Gelände abschalten. Wer schon mal mit stotterndem ABS einen geschotterten Abhang hinunter geeiert ist, der weiß warum. Auch hier bewies BMW Weitblick und stellte dem Nutzer ein praxistaugliches System zur Verfügung.


In Schuby; Bild: Ulf Panitzki


Fähre bei Schnakenburg/Elbe; Bild: Ulf Panitzki

Die GS ist nicht umsonst das beliebteste Tourenmotorrad überhaupt. Umfangreiches Zubehör von BMW und vielen Fremdherstellern ermöglicht es, seine GS für fast jeden nur erdenklichen Einsatzzweck entsprechend auszurüsten und anzupassen. Seitenkoffer, egal ob BMW-Systemkoffer aus Kunststoff oder Alukoffer vom Zubehörausstatter, sind schon fast Allgemeingut. Darüber statten immer mehr GS-Treiber ihre Kuh mit GPS aus, erleichtert diese Weltraumtechnik die Navigation in unbekanntem Gebiet doch ungemein. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob man die südamerikanische Atakama oder nur die heimische Eifel durchqueren möchte.


Feldweg in Rheinhessen; Bild: Michael Panitzki


Feldweg in Rheinhessen; Bild: Michael Panitzki

Das Konzept der R1100GS - die schwere Reiseenduro - blieb natürlich nicht ohne Nachahmer. Zu Beginn der 90er Jahre waren großvolumige Zweizylinderenduros sehr viel geländeorientierter als die 1993 vorgestellte GS. Motorräder wie die Honda Africa Twin, die Yamaha Super-Ténéré oder die legendäre Cagiva Elephant standen konzeptbedingt ihren jeweiligen Rallye-Vorbildern sehr nahe. Das sollte sich mit der GS ändern. Nach und nach verschwanden die Rallye-Ableger vom Markt. Inzwischen ist auch die Africa Twin nur noch auf dem Gebrauchtmarkt zu bekommen. Stattdessen erschienen schwere Reisemotorräder vom Schlage einer Honda Varadero oder Aprilia CapoNord, die zwar die Optik einer Reiseenduro mit der GS teilen, abseits geteerter Straßen aber nicht über die Qualitäten der Kuh verfügen.


Unterwegs im Odenwald; Bild: Michael Panitzki


Forstweg im Spessart; Bild: Ulf Panitzki

Nach sechs Jahren Bauzeit wird die R1100GS im Herbst 1999 von der neuen R1150GS abgelöst. Mit einem noch größeren und stärkeren Motor, einem neuen Sechsganggetriebe, einem optischen "face-lift", vielen kleineren Änderungen und natürlich mit Schnabel geht das Original aller großen Abenteuer- und Fernreise-Enduros gut gerüstet in das 20. Jahr der Erfolgsgeschichte der GS-Motorräder von BMW.

Text: Michael Panitzki, Bilder: Michael Panitzki oder wie angegeben