Meine 1. GS

3 Jahre Yamaha und Suzuki liegen hinter mir. Immer stärker liebäugel ich mit BMWs großer Enduro. Ich erhalte von meinem Haushaltskoalitionspartner grünes Licht. Sowohl die R850GS als auch die R1100GS werden je 3 Stunden in der Eifel bzw. dem Westerwald zur Probe gefahren (vielen Dank an die BMW-Niederlassung Bonn).

Die 850er begeistert mit einem seidenweichen Lauf. Die Vorführ-1100er nervt mit extremer Ruckelei. Entäuschung! Es reicht nur für eine Gebrauchte und die kleine GS ist 1999 gebraucht noch zu teuer. Anzeigenblätter werden gewälzt und das Internet durchforstet. Eine erneute Probefahrt einer 1100er folgt. Nichts ruckelt, nichts schüttelt, alles läuft so wie es soll. Euphorie macht sich breit. Nur handelseinig werden wir nicht. Dafür gehe ich mit einem Sack voll GS-Tips nach Hause.

Heiligabend 1999 - mit viel Geheimnistuerei werde ich völlig ahnungslos in die Garage gelotst, das Tor wird aufgemacht und da steht sie - meine neue (gebrauchte) BMW R1100GS! Ich bekomme tatsächlich eine GS zu Weihnachten geschenkt! 3 3/4 Jahre ist sie alt, wie aus dem Ei gepellt und knallrot.


Mit Original Windschild; Bild: Ulf Panitzki


Mit klarem Windschild; Bild: Michael Panitzki

Nach zwei Vorgängerinnen kann ich die BMW R1100GS getrost als das ultimative Fahr-, Reise-, und Spaßmobil überhaupt bezeichnen. Beschleunigung und Durchzug begeistern, die Geschwindigkeit ist mehr als ausreichend. Motor und Fahrwerk sind technisch auf der Höhe der Zeit. Auch Menschen über 1,80m finden einen bequemen Arbeitsplatz vor. Das Fahrwerk ist prima und kapituliert auch bei Schottereinlagen nicht. Auch der Beifahrer kann die Fahrt genießen.

Fazit: Trotz zunehmender Konkurrenz durch Afrikanerinnen, Verabachos, Tigerkatzen und diverse Italienerinnen ist und bleibt die Schnabel-Kuh die ultimative Fahrmaschine schlechthin!!! Alles andere ist kalter Kaffee!

Vom 09. - 12.05.02 fand in Franken das "Boxer-Forum-Südstaatentreffen" statt. Die zweite große Ausfahrt führte uns am 11.05.02 in den Veldensteiner Forst. Müdigkeit, mangelnde Konzentration und verminderte Reaktionsfähigkeit meinerseits führten in einer gut einsehbaren Linkskurve zwischen Bondorf und Morsbrunn zu einem Fahrfehler und zum Unfall in dessen Verlauf ich mich mit dem Motorrad überschlug.

Ich landete zu meinem Glück in einer Wiese. Das Motorrad stand auf der Straße Kopf. Gott sei Dank habe ich niemanden von der Gruppe mit hinein gezogen. Im Krankenhaus Lauf wurde mein linkes Knie geröntgt. Dabei wurde eine Zerrung des Innenbandes diagnostiziert. Bei einer weiteren Untersuchung in Bonn, bei der auch eine Computertomographie gemacht wurde, wurde festgestellt, dass Kniescheibe und Schienenbein geprellt sind. Die Behandlung des Knies ist zwar langwierig aber unkompliziert. Regelmäßige Besuche beim Orthopäden und der Krankengymnastik gehören jetzt erst einmal zum Alltag. Ich hatte verdammt viel Glück!!! Die Kuh stand kopfüber auf der Straße. Nachdem sie wieder auf den Rädern stand stellte ich in einer ersten Diagnose fest, dass die Vorderradgabel gebrochen, Telelever und Lenker verbogen sowie Heckrahmen und Gepäckträger verbogen sind. Mit Hans-Peter Weiss Unterstützung wurde die GS zu Motorrad Weiss nach Cadolzburg gebracht. Ich fuhr am folgenden Tag per Bahn zurück nach Bonn.


Nach dem Unfall; Bild: Ulf Panitzki


Gabelbruch; Bild: Ulf Panitzki

Am 25.05.02, genau zwei Wochen nach dem Unfall habe ich das Motorrad von Cadolzburg nach Bonn transportiert. Seitdem steht die Mühle hoch und trocken im Dock, d.h. in der Garage. Nach einer ersten Durchsicht konnte ich folgende Schäden festgestellt werden:

  • gebrochene Vorderradgabel
  • beschädigte untere Gabelbrücke
  • gestauchter Längslenker (Telelever)
  • verbogener Lenker
  • verbogener Krümmer
  • verschmorter Vorderradkotflügel
  • verbogener Heckrahmen
  • verbogener Gepäckträger
  • gebrochene Werkzeugbox
  • verbogener Heckkotflügel
  • Kratzer am Schnabel
  • Kratzer am Windschild
  • Kratzer am linken Ventildeckel

Die obere Gabelbrücke sowie der Hauptrahmen mit dem Lenkkopflager sind nicht beschädigt worden. Auch der Tank blieb Wundersamerweise völlig unversehrt, keine Delle, kein Kratzer, nichts!!! Der Motor läuft einwandfrei. Ein kurzer Knopfdruck genügt und das Aggregat nimmt verzugslos seine Arbeit auf. Auch das Getriebe, der Endantrieb und das Hinterrad sind unbeschädigt. Rein optisch sieht das alles nicht so wild aus. In Anbetracht des Unfallhergangs fiel der Schaden auch gering aus! Insgesamt sind jedoch Teile im Neuwert von rund EUR 3200,- fällig.


Abschied von meiner Kuh; Bild: Pavel Grim


In Tschechien; Bild: Pavel Grim

Nach langem hin und her überlegen habe ich mich dann dazu entschlossen, die Kuh so wie sie ist zu verkaufen. Anzeigen wurden im Boxer-Forum und unter motoscout24 geschaltet. Die Resonanz war erstaunlich groß. Nach zwei Wochen wurden Pavel und ich handelseinig. Zu einem guten Preis ging das gute Stück nach Tschechien und wird dort nach durchgeführter Reparatur wohl noch für viele, viele Kilometer gut sein. Ich wünsche Pavel viel Spaß und allzeit genügend Grip unter den Reifen.

Meine 2. GS

Nachdem ich meine erste (rote) Kuh bei meinem Unfall am 11.05.02 schwer beschädigt habe, war ich den Rest der Saison 2002 damit beschäftigt, mein Knie zu kurieren und die Beinmuskulatur wieder auf Vordermann zu bringen. Kurz, ich hatte anderes im Kopf als Motorradfahren. Im Herbst machte ich mir dann aber doch verstärkt Gedanken um ein neues Motorrad. Ich fuhr verschiedene Motorräder zur Probe. Durchaus interessant war die BMW F650GS Dakar. Auch KTMs LC4 640 Adventure gefiel mir zuerst ganz gut. Bei den Probefahrten vermisste ich jedoch das Drehmoment meines alten Boxers so sehr, dass der Entschluss schnell fiel.

Die Frage, die mich nun beschäftigte war nun die, ob es wieder eine R1100GS werden sollte oder eine R1150GS. Eine ladenneue 1150 sollte (und konnte) es nicht sein. Ich sehe nicht ein, dass ich den Wertverlust der ersten zwei Jahre finanziere. Der Finanzrahmen ließ das auch nicht zu. Es stellte sich schnell heraus, dass 1150er der beiden ersten Baujahre im Vergleich zu unwesentlich älteren 1100ern i.A. unverhältnismäßig teuer sind. Man merkt am Preisniveau, dass die R1150GS das beliebteste Motorrad Deutschlands ist. Entscheidend ist jedoch die Frage, wie sich die 1150GS in den letzten Jahren denn geschlagen hat.

Die R1150GS verfügt mit dem 6-Gang-Getriebe über ein durchaus erstrebenswertes Ausstattungsmerkmal. Die Unterschiede bei der Motorleistung waren für mich uninteressant. Zu dem etwas verkrampften modischen Design der 1150 habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Das asymmetrische Cockpit finde ich unmöglich.


Cockpit R1100GS; Bild: Michael Panitzki


Cockpit R1150GS; Bild: Michael Panitzki

Wenn ich mich im Boxer-Forum so umschaue, so scheint ganz offensichtlich das Thema "Konstantfahrruckeln" (KFR) bei der renovierten Kuh ein größeres Problem zu sein als es bei der Ur-4V-GS je war. Ist dem wirklich so, oder sind die inzwischen in Heerscharen auftretenden GS-Fahrer einfach nur empfindlicher? OK, die Einzelbrennräume sind etwas größer geworden. Dies dürfte sich aber nicht wirklich auswirken. Im März 2001 wird jedoch die Software der Bosch Motronic geändert. Bei bereits ausgelieferten 1150ern wird dies im Rahmen eines Updates erledigt. Das Klagen über KFR nimmt zu. Im Herbst 2002 kündigt BMW die GS mit Doppelzündung an. Zwei Zündkerzen pro Zylinder sollen die Boxer fit machen für zukünftige Abgasbestimmungen. Dem GS-Treiber ist dies ziemlich egal. Sie versprechen sich hiervon ein Ende der Ruckelei. Es scheint zu funktionieren. Eine penible Synchronisation der Drosselklappen tut es aber auch, auch ohne teure Brisk-Zündkerzen und andere "Heilmittel".


Der Weg ist das Ziel; Bild: Michael Panitzki


In Odernheim am Glan; Bild: Michael Panitzki

Ansonsten fällt die R1150GS durch nervige Verwirbelungen hinter der Scheibe negativ auf. Die Scheibe der R1100GS ist auch nicht perfekt, ich empfand sie aber nie als nervend. Rückrufaktionen trüben allerdings das Bild. So muss die Bremsleitungs- und Tachowellenführung seit Erscheinen der 1150GS zweimal geändert werden. 2003 wird im Rahmen eines Rückrufs das Getriebe geändert. Zitat: "Durch einen Fertigungsfehler beim Getriebelieferanten von BMW Motorrad kann es bei Motorrädern der Boxer-Baureihe unter ungünstigen Umständen zu einem so genannten Doppeleingriff der Getriebezahnräder kommen. Ein Blockieren des Getriebes und damit auch des Hinterrads kann in diesem Fall nicht ausgeschlossen werden."

Meine Neigung, eine gebrauchte R1150GS zu kaufen sinkt. Das Geld für eine neue will ich nicht hinlegen. Was liegt da näher, als sich eins der letzten Modelle der R1100GS zu kaufen, der Original-4V-GS? 1998 erreichte die 1100GS ihren Entwicklungshöhepunkt. Sämtliche Mankos und Probleme der Vorjahre waren berücksichtigt und wurden behoben. Die R1100GS der Baujahre 1998 und 1999 kann mit Recht als ein ausgereiftes Motorrad bezeichnet werden. Die R1150GS ist dagegen noch im Reifungsprozess begriffen. Für die R1100GS spricht, dass es sich bei den letzten beiden Jahrgängen um ein ausgereiftes Motorrad handelt. Die 1100 befand sich auf dem Höhepunkt ihrer technischen Entwicklung. Kinderkrankheiten waren längst behoben. Zudem hatte ich vorher ja auch eine R1100GS. Da kennt man sich aus und ist mit den möglichen Launen und Macken der Kuh bereits vertraut.

Inzwischen bin ich wieder mit einer R1100GS - diesmal in schwarz - unterwegs und bereue es keine Sekunde. Anfang Dezember 2002 wurde ich unter mobile.de http://www.mobile.de fündig. Honda D+M in Freudenberg bot eine schwarze 99er R1100GS mit lediglich 11.000 km an. Ein Besichtigungstermin war schnell vereinbart. Die schwarze Schönheit war ganz offensichtlich wenig gefahren und viel gepflegt worden. Wir wurden handelseinig. Meine neue Q bekommt noch eine Inspektion und kann dann abgeholt werden.

Meine neue GS verfügt im Gegensatz zu meiner ersten Kuh über ABS und ist zusätzlich mit einigen Zubehörteilen ausgestattet, z.B. Witec-Motorschutz, TT Rallye-Kotflügel und Doppelscheinwerfern. Während der Motorschutz seinen Zweck bestens erfüllt, kann man das von dem Rallye-Kotflügel nicht behaupten. Die Lichtausbeute des Doppelscheinwerfers ist zwar bescheiden, aber damit kann ich leben. Die Reifen (Dunlop D604) sind nagelneu. Ich freue mich wie ein Schneekönig. Die ersten Runden sind bereits gedreht und die nächste Urlaubstour bereits geplant. Es macht Spaß wie eh und je!


Touratech Schutzblech; Bild: Michael Panitzki


Witec Motorschutz; Bild: Michael Panitzki

Zum Saisonstart 2004 bekam die Kuh neue Pirelli MT90S/T Scorpion montiert. Die Dunlop D604 haben ja nicht lange gehalten. Der Unterschied ist frappierend. Die Pirellis sind wirklich um Welten besser.

Im Juni wurde die 20.000 km Inspektion durchgeführt. Auf dem Weg von BMW Senger nach Mainz hat dann unglücklicherweise der Hallgeber seinen Geist aufgegeben. Dank unkomplizierter und Hilfe von Senger konnte das aber schnell und unbürokratisch behoben werden.

Text: Michael Panitzki, Bilder: Michael Panitzki oder wie angegeben