Montag: Über den Kolovrat ins slowenisch/italienische Grenzgebiet

Der nächste Morgen empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein und malerischen Schäfchenwolken. Vereinzelt umweht noch Frühnebel die Hänge des gegenüber von unserem Zimmer aufsteigenden Monte Matajur. Bessere Bedingungen können wir uns gar nicht wünschen. Das Frühstück geht heute etwas schneller vonstatten als gestern und ungewohnt früh bewegen wir uns zum Einstiegspunkt für unsere heutige Tour.


In Livek; Bild: Michael Panitzki

Livek und der Monte Matajur; Bild: Michael Panitzki

In Idrsko, wenige Kilometer südöstlich von Kobarid, nehmen wir die Straße nach Livek. Die Straße führt in mehreren Serpentinen hinauf in ein Hochtal. In Livek biegen wir erneut ab. Während die Hauptstraße weiter durch das Tal nach Italien führt, führt eine knapp zweispurige, asphaltierte Straße in Livek links auf den Kamm des Kolovrat hinauf. Mit zunehmender Höhe tritt der Wald zurück. Nur noch einzelne Baumgruppen versperren den Blick ins Tal. Die Straße führt zunächst südlich des Hauptkamms entlang. Der Blick schweift über die geschwungenen Hügel des slowenisch/italienischen Grenzgebiets weit in die anschließende Tiefebene.


Monte Matajur und Stol (Hintergrund); Bild: Ulf Panitzki

Auffahrt zur Kammstraße; Bild: Ulf Panitzki

Wir wechseln auf die andere Seite des Kamms. Nach kurzer Fahrt erreichen wir eine Anhöhe. Neben der Straße steht ein Schild. Es weist uns darauf hin, dass wir am Berg Kabruk (1114 m) stehen. Der Berg war 1917 eine Schlüsselstellung innerhalb der italienischen Front. Wieder begegnen wir der kriegerischen Vergangenheit der Region. Die Ostseite des Gipfels ist übersät mit Unterständen, verbunden durch ein Geflecht von Gräben, die zum Schutz gegen Handgranaten überdacht sind. Hinzu kommen in den Fels getriebene Stollen und Kavernen. Der größte Teil der Anlagen ist perfekt restauriert und kann begangen werden. Für die Stollen und Kavernen ist eine Taschenlampe recht nützlich. Die Anlage ist noch bedrückender, wenn man sich vor Augen führt, dass die italienischen Soldaten sich hier jahrelang, im Sommer wie im Winter, aufhielten.


Zugang zum Bunker; Bild: Ulf Panitzki

Blick aus dem Bunker; Bild: Ulf Panitzki

Zeichnungen und Text verdeutlichen die Ereignisse im Rahmen der 12. Isonzo-Schlacht. Am 24. Oktober 1917 begannen österreichische und deutsche Truppen mit dem Angriff auf den Stol und den Kolovrat. Bayrische Infanterie rannte gegen die Stellungen auf dem Kabruk an. Erst nach schwersten Kämpfen konnte der Berg zwei Tage später vollständig eingenommen werden. Der weiter westlich stehende Monte Matajur wurde von württembergischen Gebirgstruppen erobert. Kompaniechef war der damalige Oberleutnant Erwin Rommel. Aus seinem in den 20er Jahren erschienenen Buch "Infanterie greift an" stammt die auf der Tafel am Klabuk abgebildete Zeichnung. So weit die Hinweise auf dem Schild.


Überdachte Schützengräben; Bild: Michael Panitzki

Zugang zu den Gräben; Bild: Michael Panitzki

Wir steigen weiter hinauf auf den blutgetränkten Berg und erreichen den abgeplatteten Gipfel. Hier stehen ein trigonometrischer Messstein und ein Schild mit der Aufschrift "Kabruk (1114 m)". In Richtung Osten haben wir einen phantastischen Blick auf die Ebene, die Stadt Tolmin und die gegenüber liegenden Berge Krn, Kuk und Vogel. Im Tal ist der Verlauf der unnatürlich blauen Soca zu erkennen. Im Süden ist in weiter Ferne, leicht im Dunst verborgen, die Adria zu erkennen. Wir sind überwältigt. Lange verweilen wir auf dem Gipfel, reden über dies und das oder hängen einfach nur unseren Gedanken nach.


Renovierte Schützengräben; Bild: Ulf Panitzki

Zugewachsene Schützengräben; Bild: Ulf Panitzki

Wir folgen weiter der Kammstraße. Kurze Zeit später treffen wir an einen Abzweig. Rechterhand führt die asphaltierte Straße nach Drenchia in Italien. Der Grenzübergang ist nur für Slowenen und Italiener passierbar. Aber wir wollen sowieso weiter in Richtung Srednje. Die nun folgende, anfangs grob geschotterte Piste führt uns eng am steilen und felsigen Hang entlang einige Höhenmeter abwärts. Später führt eine Naturbelassene Fahrbahn durch den Wald. Auswaschungen und Spurrillen erfordern ein gewisses Mindestmaß an Aufmerksamkeit. Größere Steigungen/Gefälle oder Kehren sind aber keine zu meistern. Nach etwa 8 km haben wir bei Potok schließlich wieder Asphalt unter den Gummis.


Ruine unterhalb des Gipfels; Bild: Michael Panitzki

Auf dem Gipfel; Bild: Ulf Panitzki

Fast genau auf dem Kamm entlang fahren wir in südlicher Richtung. Nach einer kurzen Rast bei Idrija verlassen wir den Kamm. Unser Ziel ist die unmittelbar am Grenzfluss Júdrio entlang führende Straße nach Mernicco in Italien. Das ist gar nicht so einfach. Auf den Wegweisern werden Orte genannt, die wir auf der Karte beim besten Willen nicht finden. Der Verlauf der in der Karte eingezeichneten Straße hinab ins Tal scheint mit der tatsächlichen Topographie nicht viel zu tun zu haben. Der Weg endet abrupt in einem Weiler und Ulf steht unvermittelt im Gemüsegarten. Schließlich hören wir jedoch durch den Wald tief unten das Wasser rauschen. Eine geschotterte und stellenweise recht steile Piste führt uns schließlich ans Ufer des Júdrio.


Auf dem Gipfel; Bild: Ulf Panitzki

Gipfelschild; Bild: Ulf Panitzki

Die nun folgende Fahrt entlang der Flusses führt uns durch ein enges und sehr verschwiegenes Tal. Die leicht zu fahrende Naturpiste ist eingeklemmt zwischen steilen, teilweise felsigen Wänden und dem Fluss. Die Grenze zu Italien verläuft in der Flussmitte. Am anderen Ufer weisen Felder und einzelne Gehöfte auf Menschen hin. Die wenigen Gebäude, an denen wir auf slowenischer Seite vorbei fahren, machen einen verlassenen Eindruck. Wir begegnen jedoch keiner Menschenseele. Gutgelaunt brausen wir über die Schotterpiste in südlicher Richtung.


Blick nach Italien; Bild: Ulf Panitzki

Blick auf Tolmin; Bild: Michael Panitzki

Kurz vor der Grenze treffen wir wieder auf Asphalt. Rechterhand geht es rüber nach Mernicco in Italien. Doch wir bleiben diesseits der Grenze und fahren links den Berg hinauf. Bei Kozbana erreichen wir wieder den Kamm, dem wir in südliche Richtung folgen. Wir kommen langsam, aber stetig in tiefere Regionen. An den Hängen und im Tal wird großflächig Wein angebaut. Die Dörfer stehen nicht mehr im Tal, sondern auf den Hügelkuppen. Die gesamte Architektur ist mediterran. Wir verlassen den alpenländischen Kulturraum und betreten den des Mittelmeers. In Neblo, einer kleinen Ortschaft, die aus wenigen Häusern, einer Bushaltestelle und einem Café an einer Kreuzung besteht, umgeben von Weinreben endet unsere Fahrt durch den slowenischen Teil des Grenzgebiets.


Kammstraße bei Kambresko; Bild: Ulf Panitzki

Piste am Júdrio; Bild: Michael Panitzki

Wir überqueren die Grenze nach Italien und fahren, jetzt auf italienischer Seite, die Grenze wieder hinauf. Vorbei an Mernicco gelangen wir auf die Straße, die wir erst vor ein paar Stunden von der anderen Seite der Grenze gesehen haben. Die slowenische Seite sieht von hier geradezu finster und verwunschen aus. Steile Abhänge, grauer Fels und dunkle Wälder lassen die Szenerie nicht sehr einladend erscheinen. Es wirkt aber ungeheuer spannend.


In Neblo; Bild: Michael Panitzki

Geschlossener Grenzübergang; Bild: Ulf Panitzki

Auf der italienischen Seite treffen wir schließlich auf eine Brücke über den Fluss und die Grenze, die wir auf der slowenischen Seite vergeblich gesucht haben. Es stellt sich raus, dass wir vorhin einfach daran vorbei gebraust sind. Vermutlich hat uns der ebene Schotter zu sehr begeistert. Die Zufahrt zur Brücke ist mit einer Schranke versperrt. Das italienische Grenzkontrollhäuschen ist unbesetzt und ziemlich marode. Auf der Brücke sprießt das Unkraut. Die Schranke wäre leicht zu umfahren und auch auf slowenischer Seite kommt man problemlos weiter. Aber die Straße auf der anderen Seite kennen wir ja schon.


Grenze am Júdrio; Bild: Michael Panitzki

Grenzstein am Júdrio; Bild: Ulf Panitzki

Bei Códromaz verlassen wir das Tal. In unendlich vielen Kurven und Kehren windet sich die Straße durch das Dichtbewaldete Bergland. Wir durchfahren winzige und enge Bergdörfer, die am Hang zu kleben scheinen. Zeitweise öffnet sich der Wald und gibt den Blick frei auf die gegenüberliegenden slowenischen Berge. Unser Ziel ist das Bergdorf Drenchiá. Von dort führt laut italienischer Karte ein Weg über die Grenze auf dem Kamm, der unterhalb der Westflanke des Klabuk auf die slowenische Grenzkammstraße treffen soll. In der slowenischen Karte ist davon nichts zu finden. Unsere Neugier ist geweckt.


Grenzübergang bei Drenchiá; Bild: Ulf Panitzki

Grenzübergang bei Drenchiá; Bild: Ulf Panitzki

Wir stoßen zunächst auf einen Slowenen und Italienern vorbehaltenen, jetzt aber geschlossenen Übergang bei Drenchiá. Gegenüber dem italienischen Grenzhäuschen führt aber noch eine bestens asphaltierte Straße weiter bergauf. Nach wenigen Kilometern endet der Asphalt und ein sauber gepflegtes Schotterband lockt uns weiter bergauf. Doch auch dieser Weg hat schnell ein Ende. Wir stehen unterhalb des Klabuk in etwa 900 m Höhe auf einer Art Mini-Wendeplatz. Doch Ulf will es offenbar wissen. Ich bin noch mit dem Abstellen der Kuh beschäftigt, da ist Ulf bereits zu Fuß einem Pfad gefolgt, der durch hohes Gras um den Hang herum führt.


Wegende am Grenzkamm; Bild: Michael Panitzki

Grenzübergang am Kamm; Bild: Ulf Panitzki

Unmittelbar hinter der Kurve ist offenbar die Grenze. Eine Schranke steht etwas unmotiviert im Gras. Der Fußweg führt um die Schranke herum. Der Übergang ist ganz offensichtlich nur für Wanderer vorgesehen. Doch nach kurzer Geländebegehung stellen wir fest, dass eine Passage auch mit meiner dicken GS machbar ist. Nacheinander passieren wir die Grenze und stehen nur wenige Meter weiter wieder auf einem erstklassigen Schotterweg. Das asphaltierte Band der Höhenstraße ist bereits zu sehen und kurze Zeit später stehen wir auf bekanntem Terrain. Links geht es hinunter nach Livek. Über Idrsko sind wir dann auch schnell wieder in Kobarid.


Das erste Hindernis; Bild: Michael Panitzki

Das zweite Hindernis; Bild: Michael Panitzki

Angesichts der allgegenwärtigen kriegerischen Zeugnisse beschließen wir, das Museum in Kobarid zu besuchen. Sein einziges Thema ist der Krieg. Wir erfahren, was genau hier vor über 80 Jahren vorging. Besonders lehrreich ist dabei das phantastische Relief der gesamten Region zwischen Bovec und Tolmin. Von 1915 bis 1917 standen sich Italiener und Österreicher in den umliegenden Bergen in einem endlosen und blutigen Hochgebirgsstellungskrieg gegenüber. Die Wende kam im Oktober 1917. Deutsche und Österreichische Truppen stießen am 24. Oktober 1917 über den Stol und den Kolovrat tief in die italienischen Linien vor, umfassten ganze Großverbände des Gegners und rollten die italienischen Stellungen auf. Die Front brach zusammen. Erst drei Wochen später, nach ungeheuren Verlusten und mit Hilfe des Wetters und zusätzlichen britischen und französischen Truppen blieb der österreichisch/deutsche Angriff weit im Westen am Ufer der Piave im Schlamm stecken.


Offensive am Isonzo im Oktober 1917; Bild: Erwin Rommel in "Infanterie greift an"

Diese Art und Weise des Angriffs war vollkommen neu und sollte die Kriegführung bis heute beeinflussen. Starke, gut ausgerüstete, bestens ausgebildete und instruierte, selbstständig agierende Verbände dringen tief in gegnerisches Gebiet vor und umfassen den Gegner, der abgeschnitten von seinen Versorgungslinien aufgeben muss. Die 12. Isonzo-Offensive durchbrach den Stellungskrieg und war Vorbild für die hochmobilen, später als Blitzkrieg bezeichneten Operationen des Zweiten Weltkriegs. Auch Rumsfelds Plan des "Shock-and-Awe" im Irak orientierte sich an diesen Prinzipien. Doch wie zuvor brachte auch diese neue Form des Krieges Tausenden von Menschen Verwüstung, Leid und Tod. Die vielen Bilder, aber auch ausgestellte Textdokumente des Museums in Form von Feldpostbriefen, Kriegstagebüchern u.ä. geben davon drastisch Zeugnis.


Nadiza-Tal bei Kobarid; Bild: Michael Panitzki

Gasthof in Staro Selo; Bild: Michael Panitzki

Bis heute ist diese größte kriegerische Auseinandersetzung, die je auf slowenischem Boden stattfand, in der Region allgegenwärtig. Zahllose Kriegsgräberstätten, Denkmäler, Kirchen und Kapellen, Beinhäuser, ehemalige Kriegsstraßen erinnern daran. Doch nicht nur die Region und die Kriegführung, auch die Weltliteratur beeinflussten die Ereignisse von 1917. Den auf italienischer Seite kämpfenden Sanitätsfreiwilligen Ernest Hemingway inspirierten seine Kriegserlebnisse in und um Kobarid zu seinem ersten Roman "A Farewell to Arms" (dt.: "In einem anderen Land"). Es ist eine Geschichte über den Kampf des Lebens (symbolisiert durch den Krieg), die Liebe und den Tod.

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